Eine vergessene Geschichte

Rafaela Schmid und Prof. Elke Kleinau

Besatzungskinder: Eine Generation zwischen Integration und Stigmatisierung?

Liebesbeziehungen, ja, die gab es auch zwischen Soldaten der alliierten Streitkräfte und deutschen „Fräuleins“. Doch die meisten Kinder, deren Väter „Angehörige des Besatzers“ waren, wurden nicht in einer glücklichen Partnerschaft gezeugt. Viele entstammen flüchtigen sexuellen Begegnungen, Überlebensprostitution und auch Vergewaltigungen. In der Forschung werden sie als „Besatzungskinder“, „Kinder des Krieges“ oder „Kinder der Befreiung“ bezeichnet – damit gemeint sind  hunderttausende Kinder, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher sein dürfte, die zwischen 1945 und 1955 geboren wurden.

Seit 2015 widmet sich die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Elke Kleinau gemeinsam mit ihrer Doktorandin Rafaela Schmid diesen Kindern und ihren Geschichten. Im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Besatzungskinder in Nachkriegsdeutschland: Bildungs- und Differenzerfahrungen“ wollen sie sich den Fragen widmen, wie erlebten diese Kinder ihre Kindheit und Jugend, wie wuchsen sie auf und wie sah ihr Umfeld im Deutschland der 1940er und 1950er Jahre aus. Dabei haben sie Interviewpartner/-innen aus allen vier Besatzungszonen befragt, deren Väter zu den alliierten Streitkräften gehörten.

Keine homogene Gruppe

Das Thema für sich hatte Kleinau bereits 2012 entdeckt. Seither widmet sie sich den sogenannten „Besatzungskindern“. Besonders problematisch gestalteten sich dabei zu Beginn vor allem die Quellenlage und natürlich der Kontakt zu den betreffenden Personen selbst, erinnert sie sich.

Der Begriff „Besatzungskinder“ erklärt Schmid, sei nicht erst in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges entstanden, sondern kam erstmals im Zuge der Rheinlandbesetzung auf. „Die Bezeichnung war durchaus als Beschimpfung gedacht und bezeichnete Kinder zwischen deutschen Frauen und französischen Besatzungssoldaten“. Nicht nur die Bedeutung blieb in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges erhalten, auch die negative Konnotation blieb es. Bis heute gibt es innerhalb der Experten/-innen keine Einigkeit bezüglich der exakten Bezeichnung dieser Gruppe von Kindern. Dabei sind die Schwierigkeiten vielfältig: Während sie im Zuge der Forschung als homogene Gruppe zusammengefasst wurden, haben die einzelnen Gruppen sich Selbstbezeichnungen verliehen, die durchaus abweichend sind und darauf abzielen, sich von anderen Gruppen zu distanzieren. „Die Kinder russischer Väter nennen sich etwa „Russenkinder“, die von Amerikanern „GI-Babys“ oder „Brown Babies““, erklärte Kleinau. Von Seiten der Forschung gab es Ansätze sie „Soldatenkinder“ oder „Befreiungskinder“ zu nennen. Wirklich durchgesetzt habe sich dies jedoch nicht, fügte Schmid an.

Die Entwicklungen innerhalb der Forschung

Dass diese Kinder bereits früher erforscht wurden, zeigen Diskurse aus den 1950 und 1960er Jahren. Allerdings drehte sich die Forschung damals fast ausschließlich um die afrodeutschen Kinder. Ihre Zahl wurde statistisch erfasst und analysiert. Hierbei seien vor allem noch Überbleibsel des im Nationalsozialismus etablierten Rassediskurses zu sehen, so Kleinau. Während die weißen Kinder nicht sofort als „Besatzungskinder“ auffielen, hätten es die Afrodeutschen aufgrund ihrer „Sichtbarkeit“ schwieriger, erklärte sie. Als 1952 der erste Jahrgang dieser Kinder in die Schulen kam, gab es eine Flut von Beiträgen und Publikationen. Das zentrale Thema: Sollten diese Kinder in Deutschland aufwachsen und auf normale Schule gehen, sollten sie von den anderen Kindern separiert werden oder gar in Amerika oder Afrika aufwachsen?

„Besatzungskinder“ als rein amerikanisches Thema?

Obwohl in allen vier Besatzungszonen sogenannte „Besatzungskinder“ zur Welt kamen, bieten einzig die Amerikaner und Franzosen wirklich verwertbare Daten, urteilen die Forscherinnen. „In der russischen Zone wurden diese Kinder verschwiegen und ganz normal als uneheliche Kinder behandelt. Zu den Briten gibt es kaum Material, obwohl es auch dort zu flüchtigen sexuellen Kontakten, innigen Liebesbeziehungen aber auch Vergewaltigungen kam“, erklärt Schmid. Die Amerikaner waren bei jungen Frauen besonders begehrt – boten sie doch nicht nur Lebensmittel, sondern auch Luxusartikel, wie Zigaretten, Alkohol und Seidenstrümpfe, die im Nachkriegsdeutschland kaum zu bekommen waren. Den Franzosen wiederum hing nach, sie seien besonders charmant. Während sich die US-Behörden nicht für die zwischen ihren Soldaten und deutschen Frauen gezeugten Kinder interessierten, und sich jeglicher Verantwortung entzogen, wurden die Mütter von den französischen Behörden gebeten, die Kinder in französische Heime zu bringen. Dort wurden sie vermessen, katalogisiert und, sofern sie den Kriterien der französischen Behörden entsprachen – bevorzugt wurden weiße Jungen-, nach Frankreich gebracht. Die Mütter wurden überzeugt, dass es so besser für sie und die Kinder sei. In Frankreich angekommen wurden die Kinder an französische Paare zur Adoption freigegeben und ihre bisherige Existenz ausgelöscht. Die Kinder von afrikanischen Kolonialsoldaten wurden teils in französischen Kolonien, wie Marokko, untergebracht.

Zuständig will keiner sein

In dieser Situation hatten es die alleinerziehenden Mütter am schwierigsten – sie blieben zumeist mit den Kindern völlig ohne Hilfe, denn die Truppen der Väter rotierten häufig und blieben selten lange an einem Ort. Zudem hatten die Mütter bei den Behörden wenig Erfolg und wurden meist finanziell mit ihren Kindern allein gelassen. Sie wurden diffamiert, weil sie sich mit einem Besatzungssoldaten eingelassen haben. „Deshalb weigerte sich auch oftmals das zuständige Jugendamt, sie zu unterstützen, schließlich hätten sie ja angeblich Spaß gehabt“, führte Kleinau aus. Dies sei aber eine ziemliche Unterstellung, da die Kinder teils auch aus einer Vergewaltigung hervorgegangen sind. Auch die Suche nach dem Vater gestaltete sich nahezu unmöglich, da die US-Behörden Anfragen zum Verbleib des Soldatenvaters abschmetterten. Dennoch, so fassen es die Wissenschaftlerinnen zusammen, haben die Mütter gemeinsam mit ihren Familien versucht die Kinder großzuziehen. Über 70 Prozent der Kinder blieb bei den Müttern. Nur die wenigsten wurden ins Jugendheim gebracht oder zur Adoption freigegeben.