Black Germans in der Nachkriegszeit

Dr. Silke Hackenesch

Die Geschichte schwarzer deutscher „Besatzungskinder“

In einer Zeit, in der Deutsch sein Weißsein bedeutete, galten sie als Exoten: Schwarze Kinder. Ihre Mütter waren deutsche Frauen, ihre Väter afroamerikanische Soldaten. Wie wurde mit ihnen umgegangen, ein Jahrzehnt nach der Nazi-Diktatur? Eine Frage, die sich damals häufig gestellt wurden. Kommen sie in normale Schulen? Muss man sie schützen? Sollen sie in ihr „Heimatland“? Eine, die sich mit der Geschichte der afrodeutschen Kinder in der Nachkriegszeit auseinandergesetzt hat, ist die Amerika-Historikerin Silke Hackenesch von der Universität Kassel. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die zu diesem Zeitpunkt erstmals aufkommenden internationalen Adoptionen in die USA.

 

„Brown Babies“

Die Thematik der so genannten „Besatzungskinder“ ist aus Hackeneschs Sicht eine sehr interessante. Vor allem die Problematik mit der Bezeichnung dieser Kinder ist bis heute nicht vollends geklärt. „Der Begriff ist diffamierend und diente auch dazu, diese Kinder zu stigmatisieren“, erklärt die Historikern. „Für die afrodeutschen Kinder hatte sich der Begriff „Brown Babies“ gefunden, zumindest wurde er in der zeitgenössischen Literatur und Presse verwendet“. Diese „Brown Babies“ sind auch diejenigen, mit denen sich Silke Hackenesch in ihrer Forschung beschäftigt. „Der Unterschied zwischen diesen Kindern ist sehr banal: Es ist die Hautfarbe“, führt die Expertin aus. In der Nachkriegszeit seien viele Kinder zwischen deutschen Frauen und Besatzungssoldaten gezeugt worden, aber die meisten von ihnen waren weiß und ihre Herkunft somit nicht sofort sichtbar. Die Forschung geht von etwa 5000 Afrodeutschen Kindern aus – etwa ein Drittel von ihnen wurde in die USA adoptiert.

Aufmerksamkeit erhielten die Kinder in der unmittelbaren Nachkriegszeit jedoch nicht wirklich. Erst mit der Einschulung des ersten Jahrganges 1952 änderte sich dies nahezu schlagartig. „Mit der Einschulung der ersten Kohorte afrodeutschen Kinder sind sie aus dem privaten Raum in den öffentlichen Raum getreten. Das warf für die Politik die Frage auf, wie man mit diesen Kindern umgehen sollte“, beschreibt Hackenesch. „Aus heutiger Sicht wirken Prospekte mit den Titeln „Maxi, unser Negerbub“ sicherlich befremdlich. Sie zeugen davon, dass biologisch-rassistisches Gedankengut noch nicht verschwunden war und die Sorge der Politik in Teilen auch sehr ernst gemeint war“. Die Lösung war letztlich progressiv. Die Lehrkräfte wurden mit Informationsbroschüren und pädagogischen Material ausgestattet, die darauf hinwiesen, dass es kein Problem sei, wenn afrodeutsche und weiße Kinder zusammen zur Schule gehen.

„Brown Baby Plan“

Das Interesse war aber nicht nur national –  auch international wurde über diese Kinder berichtet, vor allem von Seiten der afroamerikanischen Presse. In den Zeitungen wurden Berichte von schwarzen GIs abgedruckt, die von ihrem Leben in Deutschland berichteten. „Für die Afroamerikaner war es irritierend, dass für sie in Deutschland mehr Freiheiten herrschten, als in den USA, in dem zu diesem Zeitpunkt noch die Segregation praktiziert wurde“. Dennoch fürchteten sie um die Kinder, allem voran Mabel Grammer, Journalistin und Frau eines in Deutschland stationierten GIs. „Sie engagierte sich mit Artikeln, in denen sie zu Patenschaften und Care-Paketen für die afrodeutschen Kinder aufrief, allerdings kamen bald die ersten afroamerikanischen Paare, die fragten, ob sie die Kinder adoptieren könnten“, erklärt Hackenesch. Die Paare meldeten sich bei den Zeitungen, denen Grammer Bilder der Kinder zuschickte. „Sie suchten sich quasi die Kinder aus. Rechtlich war das Ganze eine Grauzone, denn für eine solche Praxis gab es keine Vorläufer“. Der Adoptionsprozess lief so ab, dass die Kinder in die USA mit Hilfe von Scandinavian Airlines gebracht wurden und dort als „Displaced Persons“ bleiben konnten. Während sich der Staat bei diesen Adoptionen heraushielt, kritisierte die schwarze Bürgerrechtsbewegung das Vorgehen und bezeichnete diese Kinder als „deutsches Problem“. „Sie forderten, dass stattdessen schwarze Kinder aus amerikanischen Heimen adoptiert werden sollten“, so die Expertin. Allerdings waren Adoptionen für afroamerikanische Paare schwierig, da die staatlichen Stellen und Agenturen ihnen diese oft verwehrten. „Hierbei ging es in erster Linie sicherlich um die Kinder, andererseits wollte die afroamerikanische Gesellschaft damit auch zeigen, dass sie finanziell in der Lage war, sich um diese Kinder zu kümmern und sich für das Weltgeschehen interessierte“, beschreibt Hackenesch die Gründe dafür.

Zwischen großen Erfolgen und fatalen Erlebnissen

Eine reine Erfolgsgeschichte waren diese Adoptionen jedoch nicht immer. „Sie sind ein Sammelsurium von großen Erfolgen und fatalen Erlebnissen“, fasst es die Historikern zusammen. Manche erlebten eine wunderbare Kindheit und haben bis heute sehr guten Kontakt zu ihren Adoptiveltern, andere wurde als billige Arbeitskräfte missbraucht und erinnern sich nur ungern zurück. Am schlimmsten war es für jene, bei denen es in der Familie einfach nicht funktionierte, so, dass die Eltern sie herauswarfen. „Plötzlich war man staatenlos und fremd in einem völlig unbekannten Land mit unbekannter Umgebung. In den rein afroamerikanischen Vierteln wurde man wegen der helleren Farbschattierung schnell diskriminiert“, erklärt Hackenesch. Dass viele dieser Kinder dennoch gerne über ihre Erlebnisse sprechen wollen, erkennt man an der großen Zahl von Organisationen wie der „Black German Heritage and Research Group“ oder den „Black Germans in the United States“. Dort treffen sich die AfroamerikanerInnen deutscher Herkunft,  sprechen über ihre Erfahrungen und unterstützen einander bei der Suche nach Angehörigen in Deutschland.