Eine Stadt erneuert sich

Eine zerstörte Innenstadt, kaum Nahrungsmittel und Militärpatrouillen zu jeder Zeit. Die Nachkriegszeit in Gießen ist vor allem in ihren Anfangsjahren alles andere als leicht. Mit dem Einmarsch der US-Armee am 28. März 1945 herrschen nunmehr die Sieger in der mittelhessischen Stadt. Wie sich die „Fremdherrschaft“ ausgewirkt hat, wie die Gießener diese Jahre dennoch überstanden und wie sie die Stadt bis heute prägen, der Gießener Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake nimmt uns mit in diese Zeit.

„Für die Gießener war das nicht einfach, denn die Amerikaner waren Fremde, aber sie waren die Sieger und bestimmten wie es zu laufen hatte“, erzählt Brake. Besonders spüren die Einwohner dies auf dem Wohnmarkt. Gemeinsam mit den Briten hatten die US-Bomberverbände der Stadt große Schäden zugefügt. Das eigentliche Ziel, der Gießener Bahnhof, blieb dabei jedoch fast unversehrt. „Die Wohnsituation war sehr angespannt, weil ein Großteil der Wohnungen durch die Bombenangriffe zerstört war“, so Brake. Die unversehrten Wohnungen und Gebäude wurden schnell von den Amerikanern beschlagnahmt und die Einwohner entweder aufs Land vertrieben oder in die Keller ihrer Wohnhäuser. Der Unmut innerhalb der Bevölkerung war groß, das sollte sich auch in den kommenden Jahren nicht ändern. Denn nicht nur die Amerikaner kamen in die Stadt, auch aus dem Osten kamen viele Heimatvertriebene, die in Gießen verblieben. Es wurde eng im Zentrum und auf dem Land. In den Artikeln des Gießener Anzeigers und der Giessener Freien Presse ist mehrfach von Demonstrationen und Beschwerden seitens der Anwohner zu lesen, die ihre Wohnungen zurückfordern. „Das Ziel der Stadtregierung und der Amerikaner war es, beide Seiten zu versöhnen“, erklärt der Experte.

Ein gemeinsames Zusammenleben

Der erste Schritt dafür war die Schaffung der US-Siedlung im Süden der Stadt. Damit waren nicht alle Probleme behoben, aber der erste Schritt zum gemeinsamen Zusammenleben war getan. Neben der Wohnsituation prägte aber vor allem die Versorgungslage die Gedanken der Gießener. „Es ist für die Menschen erstmal wichtig, was sie auf dem Tisch beziehungsweise auf dem Teller haben“, machte der Stadtarchivar deutlich. Der Tauschhandel blühte und viele Dinge wie Kaffee blieben lange Zeit ein reines Luxusgut. Eine Möglichkeit an solche raren Waren zu kommen war der Kontakt zu den US-Streitkräften. Die Soldaten waren durchgängig gut versorgt. „Wenn die Amerikaner nicht wollten, dann mussten sie nicht in die Stadt, um sich zu versorgen, denn sie hatten alles in ihrer Siedlung“, so Brake. Besonders gern gesehen war jedoch die große Zahl lediger junger US-Soldaten. Viele von ihnen vergnügten sich in der Bahnhofsstraße und befeuerten die Prostitution innerhalb der Stadt. „Es blühte wie verrückt“, fasst es der Experte zusammen. Einige junge Frauen sahen darin die Chance aus der schlechten Versorgungslage herauszukommen und für sich und ihre Familien etwas abzuzweigen. Dieser Zustand förderte den Zuzug junger Frauen aus der Umgebung. Sie suchten nach einem Weg ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dieser bot sich auch in der Stadtverwaltung. Die vor dem Krieg stark männlich geprägte Verwaltung brauchte neue Mitarbeiter, da ein großer Teil der Männer im Krieg gefallen war oder sich noch in Kriegsgefangenschaft befand. „Die Verwaltung wurde heterogener“, sagte Brake.

  • Gemeinsame Projekte führten zusammen
    Gemeinsame Projekte führten zusammen
  • Man half sich mit schwerem Gerät aus
    Man half sich mit schwerem Gerät aus
  • Der US- Einmarsch in eine zerstörte Stadt
    Der US- Einmarsch in eine zerstörte Stadt

 

 

Ruinen weichen dem Aufschwung

Zu Beginn der 1950er Jahre wird das Thema Wiederaufbau immer bedeutender. Die Frage die sich stellte alles neu bauen oder restaurieren? „Die Entscheidung fällt hauptsächlich für Neubauten auf der alten Bausubstanz“, erklärte der Archivar. Im Seltersweg werden notdürftig Dächer auf Ruinen gebaut, was der Innenstadt den Antlitz eines Notbehelfs gibt. Dennoch ist die Stadt nach dem Krieg stetig gewachsen. Die Wohnungsbaupläne der Stadt, die Rückgabe von Gebäuden durch die Amerikaner und die gut prosperierenden Gewerbegebiete sorgten für Erfolge und beruhigten die Stimmung innerhalb der Stadt. Durch die Möglichkeit eigene Geschäfte anzusiedeln wurden etwa die Heimatvertriebenen mit in den Aufschwung integriert. „So kamen Berufe und Geschäfte nach Gießen, die es vor dem Krieg noch gar nicht gegeben hatte“, so Brake. Besonders entlang der Schiffenberger Tals und der Marburger Straße sprossen die neuen Läden. Als reine Erfolgsgeschichte möchte der Stadtarchivar die Integrierung der Heimatvertriebenen dennoch nicht bezeichnen. „Sie wurden oft zwangsweise bei fremden Familien einquartiert. Das sorgte für Probleme“, erklärte der Experte. Wirtschaftlich und gesellschaftlich war die Wiedereröffnung der Universität sehr wichtig für die Stadt. Die Bevölkerung sei sehr erfreut gewesen über die Rückkehr ihres Statussymbols und der Studenten als Wirtschaftsfaktor, so der Experte.

Aus Fremden werden Partner

Mit den Amerikanern entspannte sich das Verhältnis bis Mitte der 1950er Jahre dagegen stetig. Anfänglich waren diese Leute für die Gießener eigenartig. „Sie sahen anders aus, sprachen anders. Es war ungewohnt und Konflikte vorprogrammiert“, beschrieb Brake die Situation. Vor allem die schwarzen GI’s waren ungewohnt für die Bevölkerung. Zu schnelles Autofahren, Geländeschäden bei militärischen Übungen und die Beschlagnahmung von Sportstätten sorgten immer wieder für Diskussionen. „Für so eine sportaffine Stadt wie Gießen, war das natürlich ein Schlag, dass die Millerhall und das Volksbad erst langsam wieder freigegeben wurden“, meint der Stadtarchivar. Dennoch gab es gegenseitige Integrationsversuche, wie etwa gemeinsame Weihnachtsfeiern oder Sport- und Militärveranstaltungen. Zudem versuchten die Frauen der US-Soldaten die Notlage der Deutschen durch wohltätige Aktionen zu lindern.  „Wenn die Stadt schweres Gerät brauchte um alte Ruinen abzureißen, dann halfen die Amerikaner mit Bulldozern und anderen technischen Dingen“ fügt Brake an. Mit der Eingliederung der Bundesrepublik in die westliche Allianz gingen die Amerikaner und die Militärregierung noch weiter auf die Bevölkerung zu. Eng sei die Beziehung dadurch dennoch nicht gewesen, man lebte eher nebeneinander fasst es der Experte zusammen.